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Freitag, 23. Oktober 2015

7 Die Semiotik des Ichs

7 Die Semiotik des Ichs

In dem Kapitel wird eine semiotische Theorie des Ichs skizziert. Dies wird keine ausgereifte Theorie, noch kann man diese Ausarbeitung als erschöpfend betrachten. Mehr soll zunächst eine terminologische Grundlage geschaffen werden. In einem zweiten Schritt soll die terminologische Grundlage mit der semiotischen Grundlage verbunden werden, unter zur Hilfenahme der Erkenntnisse aus den Kapiteln 2-4.
Das Ziel des Ganzen ist es, einen ersten Zugang zu legen, um das Entstehen des Ichs zu erforschen. Wie es entsteht und wie es sich verändern kann. Und warum Störungen bezüglich des Ichs auftreten können, jedoch muss zunächst dafür eine einheitliche Terminologie geschaffen werden.

7.1 Terminologische Grundlagen

Was ist der Körper und was ist der Geist? Und was ist das Ich? Diese Fragen werden im Folgenden beantwortet.

7.1.1 Ich

Das Wort „Ich“ ist ein Personalpronomen. Es weist deiktisch auf die es aussprechende Person hin: Es ist eine sprachliche Selbstreferenz.

In dieser Arbeit geht es nicht um das Personalpronomen, da dies keine linguistische Arbeit ist, sondern eine Kategorie des Denkens. Das Ich ist ein Zeichen. Was bedeutet dieses Zeichen? Sartre sagte über das „ich sein“:

Wenn ich übrigens mein Bein berühre oder es sehe, überschreite ich es auf meine eigenen Möglichkeiten hin: etwa, um meine Hose anzuziehen oder um meine Wunden neu zu verbinden. Und ich kann dabei zwar mein Bein so legen, daß ich bequemer an ihm «arbeiten» kann. Aber das ändert nichts an der Tatsche, daß ich es auf die reine Möglichkeit hin überschreite, « mich zu heilen», und daß ich folglich bei ihm anwesend bin, ohne daß es Ich ist und ohne daß ich es bin. Und das, was ich so sein mache, das ist das Ding «Bein», es ist nicht das Bein als Möglichkeit zu gehen, zu laufen oder Fußball zu spielen, die ich bin. (Sartre 2012: 542)

Sartre begrifft hier das Ich als Möglichkeit zu handeln. Diese liegt nicht in unserem Körper, sondern überschreitet ihn durch das, was das Ich ist. Handlungen können nur von Subjekten ausgeführt werden. Und das, was die Handlungen ermöglicht, ist das Ich. Es ist also die Subjektivität des Subjekts für sich selbst. Wenn ich handle, bin ich ich selbst. Anders ausgedrückt: Das Ich ist die Identität von sich mit sich selbst. Die Einheit von Physis und Psyche, vermittelt über neuronale Aktivität (vgl. 7.1.2).

7.1.2 Physis, Psyche und neuronale Aktivität

In den vorherigen Kapiteln wurde, zwecks Adaption von Terminologien anderer Wissenschaftler, nicht expliziert, welche terminologischen Vor-entscheidungen getroffen wurden. Generell wurde in zwei Kategorien gedacht.

Die erste Kategorie soll „Physis“ heißen. In diese Kategorie fallen alle Phänomen, welche mit folgenden Worten beschrieben wurden: körperlich, physikalisch, materialistisch, objektiv, stofflich. Die Physis ist also die physikalische Welt. Also alles, was einem externen Beobachter zugänglich ist. Damit ist kein privilegierter Zugang gemeint, sondern ein Zugang, wie zum Beispiel naturwissenschaftliche Messverfahren.

Die zweite Kategorie soll „Psyche“ heißen. In diese Kategorie fallen alle Phänomene, welche mit folgenden Worten beschrieben wurden: geistig, psychologisch, innerlich, subjektiv. Die Psyche umfasst also die Phänomene, welche sich in unserem Geist abspielen. Denkprozesse, die nur uns zugänglich sind, wie zum Beispiel formulierte Gedanken oder unausgedrückte Emotionen.

Klassisch werden diese Kategorien als Opposition gedacht. In der hier vorliegenden Arbeit soll das nicht der Fall sein. Die Dichotomie von „Physis“ und „Psyche“ wird durch eine dritte Kategorie ergänzt.

Die dritte Kategorie soll „Neuronalität“ heißen. Neuronalität bezieht sich strikt auf die Aktivität der Neuronen im Gehirn und dabei auf physikalische Vorgänge, welche eindeutig mit psychischen Vorgängen korrelieren. Den Vorgang in dem Physis und Psyche durch neuronale Vorgänge verbunden sind, nenne ich „Kognition“. Kognition kann als Zeichen verstanden werden. Diese Begriffe sind noch sehr unscharf. Bei einer genaueren Untersuchung sollten diese Begriff eingeschärft werden.

7.2 Ich als Zeichen

Das Verständnis von Zeichen ist hier von Peirce entlehnt. Zeichen sind triadische Relationen: „Now a sign is something, A, which denotes some fact or object, B, to some intepretant thought, C“ (CP: 1.346).

Eine bekannte Darstellung dessen ist das sogenannte „semiotische Dreieck“. Zu sehen in Abbildung 1.

Für den Zweck dieser Arbeit soll A mit der Physis identifizieren, B mit der Neuronalität, C mit der Psyche. Zu sehen in Abbildung 2.


Die Identifikation dieser Art erscheint mir sinnvoll, da die Physis ein Phänomen der Außenwelt ist, genau wie das peirce'sche Objekt. Der Interpretant kann auch als interpretierender Geist verstanden werden – ein eindeutig psychischer Begriff. Für die Identifikation des Repräsentamens mit der neuronalen Aktivität greife ich auf Kapitel 5 zurück, in dem ich festgehalten habe: (E1) Im menschlichen Denkprozess (als Interpretationsprozess) ist das Hirn der Vermittler zwischen Objekt und Interpretant. Das erscheint sinnvoll, da sich neuronale Aktivität im Hirn messen lässt, wenn die Psyche aktiv ist – gleichzeitig sind die messbaren Vorgänge physische Vorgänge.

Hier ist Vorsicht geboten. Auch wenn es einen Zusammenhang zwischen Physis und Psyche gibt und dieser messbar ist, darf nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden: Psychische Vorgänge sind nicht auf physische Vorgänge reduzierbar.

Welche Rolle spielt das Bewusstsein bei dem Ganzen? Das Gefühl eines Ichs, muss nicht bewusst sein. Man sieht das an Neugeborenen. Diese „erforschen“ ihren Körper, indem sie ihre eigenen Körperteile in den Mund nehmen. Gerne die entfernten Körperteile, wie z. B. die Füße. Wenn man diese Praxis in Worten ausdrücken würde, wäre es eine Frage, die sich die Kinder stellen: Bin das noch ich?

Ein witziges Beispiel einer solchen Praxis gibt das Kinderbuch: „Das kleine Ich-bin-Ich“. In diesem Buch geht es um ein hundeähnliches Fabelwesen. Dieses stellt sich die Frage, was es doch selbst sei. Mit dieser Frage im Kopf geht es dann von Tier zu Tier und fragt die anderen Tiere, ob es selbst doch ein Teil der Spezies sei. Diese Frage negieren die anderen Tiere. Das Wesen ist darüber äußerst enttäuscht. Jedoch findet es am Ende des Buches heraus, was es ist, indem es sich seiner selbst als Selbst bewusst wird und feststellt, dass es ein „Ich-bin-Ich“ ist.

Also: Bewusstsein im Kontext des „Ichs“ bietet die Möglichkeit, sich selbst als sich selbst zu identifizieren, während man man selbst ist. Das Französische hat diese Unterscheidung in der Alltagssprache: Man unterscheidet je und moi.

Ich möchte die Begriffe je und moi einführen. Ihre Definition ist an Lacan angelehnt, jedoch von seinen Definitionen unterschiedlich. Das je ist dabei das handelnde Ich. Es ist am ehesten mit dem lacan'schen je spéculaire vergleichbar. Das moi ist ein Meta-Ich, welches das je metarepräsentiert. Es hat normative Züge, welche durch den Einfluss der Gesellschaft entstehen.

Das je ist so zu verstehen, wie es oben im semiotischen Ich-Dreieck gezeigt wurde. Das moi muss anders verstanden werden. Es ist ein „Meta-Ich“. Die Praxis im Englischen ist wie folgt: Spricht man von sich selbst als Subjekt, dann sagt man je. Ist man selber das Objekt, dann sagt man moi. Man identifiziert sich auf einem Foto als moi, nicht als je. Erzählt man aber, wie das Foto entstanden ist oder was man getan hat, damals, als das Foto aufgenommen wurde, dann sagt man je.

Die Formulierung des „Meta-Ich“ klingt stark nach freud'scher Terminologie. So kann man das moi auch in der ersten Annäherung in Anlehnung an Freud verstehen. In der Terminologie der metapsychologischen Vorlesungen: Das moi ist das freud'sche „Ich“, welches sich aus „Es“ und „Über-Ich“ zusammensetzt.

Aufmerksamen Lesern dieser Arbeit läuten sofort die strukturalistische Alarmglocke: Wie hängen „Es“ und „Über-Ich“ denn zusammen? Sind sie zwei Seiten einer Medaille? Und sie haben recht. Die strukturalistische Alarmglocke läutet zu Recht. Ich schlage also eine Modifikation der freud'schen Thesen vor.

Das „me“ ist das Symbol, welches sich aus „Es“ und „Über-Ich“ zusammensetzt, unter Vermittlung von dem, was ich Psyche nenne. Um die normative Aufladung der Begriffe „Es“ und „Über-Ich“ zu entschärfen, möchte ich auf die Terminologie von von Uexküll zurückgreifen und das „Über-Ich“ mit der Umwelt, das „Es“ mit der „Innenwelt“ identifizieren. Da bedeutet:

In von Uexküll's view, each organism lives in a world, an Umwelt, that is determined by its capacity, as a member of a particular species, to apprehend its surroundings. […] This link between von Uexküll's ideas as the cognitive study of signs receivse further support of the Innenwelt, which refers to the cognitive map or internal representation that each organism constructs from its interaction with its surroundings. (Daddesio 1994: 10)

Daraus ergibt sich Abbildung 3.


Wie hängen das je und das moi zusammen? Zur Erläuterung lässt sich Sartre heranziehen. Im Kapital „Der Blick“ entwirft Sartre folgendes Szenario:

Nehmen wir an, ich sei aus Eifersucht, aus Neugier, aus Verdorbenheit so weit gekommen, mein Ohr an eine Tür zu legen, durch ein Schlüßelloch zu gucken. Ich bin allein und auf der Ebene des nicht-thetischen Bewußtseins (von) mir. Das bedeutet zunächst, daß es kein Ich gibt, das mein Bewußtsein bewohnt. Also nichts, worauf ich meine Handlungen beziehen könnte, um sie zu qualifizieren. Sie werden keineswegs erkannt, sondern ich bin sie, und allein deshalb tragen sie ihre totale Rechtfertigung in sich selbst. Ich bin reines Bewußtsein von den Dingen, und die Dinge, im Zirkel meiner Selbstheit gefangen, bieten mir ihre Potentialität als Antwort meines nicht-thetischen Bewußtseins (von) meinen eigenen Möglichkeiten dar. […]
Jetzt habe ich Schritte im Flur gehört: man sieht mich. Was soll das heißen? Das heißt, daß ich in meinem Sein plötzlich getroffen bin und daß wesentliche Modifikationen in meinen Strukturen erscheinen – Modifikationen, die ich durch das reflexive Cogito erfassen und begrifflich fixieren kann.
Zunächst existiere ich nun als Ich für mein unreflektiertes Bewußtsein. Gerade diesen Einbruch des Ich hat man am häufigsten beschrieben: ich sehe mich, weil man mich sieht, hat man schreiben können. (Sartre 2012: 468ff.)

Sartre formuliert hier eine narrative Version der higher order theory of thought. Der Zusammenhang zu Zeichen kann als semiotische Version dessen verstanden werden. Zeichen werden bewusst, wenn sie im Interpretationsprozess weiterer Zeichen eine Rolle spielen.

Die Psyche als Interpretant des Symbols je ist das Repräsentamen des Symbols moi. Erst, wenn ich mich selbst (Innenwelt) sehe, oder von einem anderen (Umwelt), gesehen werde, kann ich mich selbst als mich selbst sehen. Und damit kann das je bewusst werden. Grafisch dargestellt sieht dies wie folgt aus. Zu sehen in Abbildung 4.


In der gleichen Art wird das moi durch das je bewusst. Zu sehen in Abbildung 5.


Diese Struktur erklärt, wie sich das Ich ausbildet, wie es bewusst wird und wie es sich in einem ständigen Interpretationsprozess, in dynamischer Wechselwirkung zwischen Innenwelt und Umwelt, verändert.

Die Adaption des Ich funktioniert auf der Ebene des moi, da hier das je bewusst vor einem liegt und Eingriffe vorgenommen werden können. Diese Eingriffe beziehen sich auf die Physis des Menschen. Ein alltägliches Beispiel dafür ist, dass Menschen sich die Haare färben, wenn sie eine Veränderung in ihrem Innenleben vollziehen. Damit ist das Symbol je ein anderes als vorher.

7.3 Fazit

Im Kapitel 1.3 wurde die Frage gestellt: (F1) Was ist das Ich? Diese Frage lässt sich nun beantworten.
In einer ersten Annäherung ist festzuhalten: Das Ich ist die Subjektivität des Subjekts für sich selbst. Oder: Das Ich ist die Identität von sich mit sich selbst. Diese Momentaufnahme des Ichs muss semiotisch interpretiert werden. Das Ergebnis ist die Unterscheidung zwischen je und moi, als Bestandteile des Ichs, welche beide als triadische Relation verstanden werden können und in ständiger Wechselwirkung stehen.

Im Folgenden muss die Frage gestellt werden, wo der Ich herkommt. Beziehungsweise, wie das Ich entsteht.

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