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Freitag, 9. Oktober 2015

6 Geist und Zeichen. Oder: Kognitive Semiotik

6 Geist und Zeichen. Oder: Kognitive Semiotik

In diesem Kapitel sollen zwei Fragen beantwortet werden:

  1. Was ist Semiotik?
  2. Was kann Semiotik zur Kognitionswissenschaft beitragen? Oder: Was ist Kognitionssemiotik.

Zur Beantwortung der ersten Frage wird sich maßgeblich auf Peirce und Eco bezogen. Zur Beantwortung der zweiten Frage auf das Werk „On Minds and Symbols“ von Daddesio.

6.1 Was ist Semiotik?

Was ist Semiotik? Eine schnelle Definition könnte lauten: „Die Disziplin, die sich mit den Zeichen im Allgemeinen beschäftigt, ist die Semiotik“ (Busch/Stenschke 2008: 18). Eco steht dieser Definition kritisch gegenüber,

weil man die Semiotik lange als eine imperialistische Disziplin betrachtet hat, die die Welt in allen ihren Aspekten erklären möchte. Ich [Eco] bin zwar der Meinung, daß viele Aspekte der Welt, obwohl sie an sich nicht semiotisch sind, unter semiotischen Gesichtspunkten betrachtet werden können. Dennoch ist wichtig festzustellen, was die Semiotik erklären kann und – soweit ich [Eco] es verstehe – was nicht. (Eco 2004: 283)

Eine genauere Betrachtung liefert Peirce:

I here owe my patient reader a confession. It is that when I said that those signs that have a logical interpretant are either general or closely connected with generals, this was not a scientific result, but only a strong impression due to a life-long study of the nature of signs. My excuse for not answering the question scientifically is that I am, as far as I know, a pioneer, or rather a backwoodsman, in the work of clearing and opening up what I call semiotic, that is, the doctrine of the essential nature and fundamental varieties of possible semiosis; and I find the field too vast, the labor too great, for a first-comer. I am, accordingly, obliged to confine myself to the most important questions. The questions of the same particular type as the one I answer on the basis of an impression, which are of about the same importance, exceed four hundred in number; and they are all delicate and difficult, each requiring much search and much caution. At the same time, they are very far from being among the most important of the questions of semiotic. Even if my answer is not exactly correct, it can lead to no great misconception as to the nature of the logical interpretant. There is my apology, such as it may be deemed. (CP: 5.488)

Semiotik befasst sich also mit dem Phänomen der Semiose. Die Semiose ist nach Peirce: „But by "semiosis" I mean, on the contrary, an action, or influence, which is, or involves, a cooperation of three subjects, such as a sign, its object, and its interpretant, this tri-relative influence not being in any way resolvable into actions between pairs.“ (CP: 5.484).

Semiose ist der Prozess, in dem aus einem Objekt, einem Repräentamen und einem Interpretant ein Zeichen wird. Alternativ sei auch Ver-zeichnung zu sagen. Die eigentümliche Schreibweise soll darauf hinweisen, dass es sich dabei um einen Zeichenprozess handelt, mit dem Bedeutung erzeugt wird. Und nicht um das Wort aus der Alltagssprache, welches „aufschreiben/ wahrnehmen“ meint. Was sind Objekt, Repräsentamen und Interpretant? Nach Eco:

Das dynamische Objekt kann auch ein ideales oder imaginäres Objekt oder ein Sachverhalt in einer nur möglichen Welt sein. Wenn ein solches dargestellt wird, kann es außerhalb unseres Wahrnehmungsbereiches liegen (was gewöhnlich der Fall ist).
Das Repräsentamen ist ein materieller Ausdruck wie ein Wort oder irgendein anderes Zeichen – oder besser, es ist der allgemeine Typus vieler herstellbarer Exemplare dieses Zeichens.
Der Interpretant kann eine Paraphrase sein, eine Schlußfolgerung, ein gleichbedeutendes Zeichen, das einem anderen Zeichensystem angehört, ein ganzer Diskurs usw. (Eco 2004: 284f.)

Die übliche Darstellung eines Zeichens als triadische Relation ist das „semiotische Dreieck“, wie in Abbildung 1.

Im vorherigen Kapitel wurde gesagt, dass Wahrnehmungsurteile die Form von Abduktionen haben. Abduktionen wurden in dem Kontext über die peirce'sche Definition eingeführt. Diese besagt, dass man auf einen überraschenden Sachverhalt trifft und auf einen Vorgang schließt, der den überraschenden Sachverhalt wahrscheinlich macht (vgl. CP: 2.776).

Beachtenswert ist das Verhältnis von Zeichen und Wahrnehmungsurteilen. Zeichen haben ebenfalls die Form von Abduktionen. Zeichen und Wahrnehmungsurteile sind aber nicht identisch. Mehr muss man ein Wahrnehmungsurteil als eine Art von Zeichen verstehen.

Wie an anderer Stelle erwähnt, können Denkprozesse als Interpretationsprozesse verstanden werden. Wahrnehmungsurteile sind Interpretationsprozesse, also Denkvorgänge. Denkvorgänge haben also Zeichencharakter. Peirce hat schon bemerkt:

The third principle whose consequences we have to deduce is, that, whenever we think, we have present to the consciousness some feeling, image, conception, or other representation, which serves as a sign. But it follows from our own existence (which is proved by the occurrence of ignorance and error †1) that everything which is present to us is a phenomenal manifestation of ourselves. This does not prevent its being a phenomenon of something without us, just as a rainbow is at once a manifestation both of the sun and of the rain. When we think, then, we ourselves, as we are at that moment, appear as a sign. Now a sign has, as such, three references: first, it is a sign to some thought which interprets it; second, it is a sign for some object to which in that thought it is equivalent; third, it is a sign, in some respect or quality, which brings it into connection with its object.

Jeder Denkprozess ist ein Denkprozess in Zeichen. Zeichen sind keine ausschließlich sprachlichen Phänomene. Sprache vollzieht sich in sprachlichen Zeichen, die aber nur eine Unterkategorie von Zeichen sind. Menschen können genau so in Bildern, Tönen oder Bewegungen denken wie in Sprache. Das widerspricht der Sapir-Whorf-Hypothese, welche besagt, die Sprache forme das Denken (vgl. Whorf 2008), erklärt aber das Phänomen, wieso verschiedene Ausdrucksformen (wie bildende Kunst, Tanz, Musik etc.) ein eigenes, einzigartiges Ausdrucksvermögen haben. Die Semiotik ist ein optimales Instrument zur Analyse von Denkstrukturen und nicht nur von Designobjekte, wie landläufig praktiziert.
Damit ist die Semiotik nach beiden Seiten begrenzt. Sie ich keine Linguistik, da sie sich nicht direkt mit der Sprache beschäftigt, sondern mit Zeichen. Und sie ist keine Naturwissenschaft, da sie sich nicht mit den Phänomenen selbst (in Form von Wahrheit oder Realität) beschäftigt, sondern mit dem Prozess des Verstehens der Welt und der Zuweisung von Bedeutung. Kurz gesagt: Der Semiose oder Ver-zeichnung.

6.2 Typen von Zeichen und ihre Korrespondenz zu Physis und Psyche

Semiotik untersucht Zeichen. Doch was sind Zeichen? Zeichen sind triadische Relationen wie in Kapitel 6.1 ausgeführt. Des Weiteren unterscheidet Peirce zehn Klassen von Zeichen.

Die Grundlage für die zehn Zeichenklassen ist eine dreifache Trichotomie der Zeichen. Dabei wird das Objekt unterteilt in Qualisign, Sinsign und Legisign. Auf der Ebene des Repräsentamens wird das Zeichen unterschieden in Icon, Index und Symbol. Auf der Ebene des Interpretanten wird das Zeichen unterschieden in Rhema, Dicent und Argument (vgl. CP: 2.243-2.253). Um die zehn Klassen der Zeichen zu verstehen, ist an dieser Stelle ein kurzer Exkurs in die peirce'sche Kategorienlehre notwendig. Peirce unterscheidet drei Kategorien.

  1. Erstheit: Es ist die reine Qualität, zum Beispiel die Qualität der Röte, ganz ohne ein Zweites.
  2. Zweitheit: Es ist die Qualität bezogen auf eine weitere Qualität, zum Beispiel das spüren eines Wiederstandes.
  3. Drittheit: Die Drittheit vermittelt zwischen den beiden Qualitäten der Zweitheit.

Nach Peirce gibt es zehn Zeichenklassen (vgl. CP: 2.254-2.265):

  1. Qualisign: Das Qualisign existiert nur als logische Möglichkeit. Es ist die Erstheit der Erstheit der Erstheit, also ein Zeichen, das eine reine Qualität ist. Beispiel: Qualität reiner Röte.
  2. Iconic Sinsign: Ist im Sinne einer Zweitheit eine Verbindung zwischen zwei Qualitäten. Somit ist es auch nur reine Möglichkeit.
  3. Rhematic Indexical Sinsign: Es weist den Interpretanten direkt auf das es auslösende Objekt hin.
  4. Dicent Sinsign: Es weißt den Intepretanten nicht nur auf das Objekt hin, sondern enthält auch Informationen über das Objekt. Beispiel: Dunkle Wolken am Himmel.
  5. Iconic Legisign: Es ist ein Typ wie eine Schablone, die es möglich macht, einzelne Erscheinungen zu schaffen, die auf eine Qualität hinweisen. Beispiel: Die Möglichkeit des Buchstabens „A“.
  6. Rhematic Indexical Legisign: Es ist ein Typ, der es möglich macht, einzelne Erscheinungen zu schaffen, die auf ein Objekt hinweisen. Beispiel: Demonstrativpronomen.
  7. Dicent Indexal Legisign: Es ein Typ, der es möglich macht, einzelne Erscheinungen zu schaffen, die auf ein Objekt hinweisen und Informationen über dieses Objekt enthalten.
  8. Rhematic Symbol: Es ist ein Typ, deren Erscheinungen auf eine Gruppe von real existenten Objekten verweisen. Beispiel: Das Nomen „Tisch“.
  9. Dicent Symbol: Es ist ein Typ, deren Erscheinungen auf ein abstraktes Objekt verweisen. Beispiel: Der Satz „Ich liebe dich“.
  10. Argument: Es ist die Drittheit der Drittheit der Drittheit. In dem Sinne ist es ein Typ, deren Erscheinungen Interpretationen sind. Beispiel: Ein wissenschaftlicher Diskurs.
Die Unterscheidung dieser zehn Zeichenklassen ist sehr abstrakt und komplex. Für die Zwecke dieser Arbeit soll festgehalten werden, dass die ersten Zeichenklassen in Richtung (Qualisign) der materiellen Welt (oder Realität) verweisen. Und damit auf das, was in Kapitel 7 Physis genannt wird. Die andere Richtung (Argument) weist auf das hin, was später Psyche genannt wird.

6.3 Was ist Kognitionswissenschaft?

In einer ersten Annäherung lässt sich Kognitionswissenschaft rudimentär definieren: „Cognitive science is the interdisciplinary study of mind and intelligence, embracing philosophy, psychology, artificial intelligence, neuroscience, linguistics, and anthropology.” (Thagard 2010).

Die Kognitionswissenschaft ist also eine Wissenschaft, die den Geist und Intelligenz des Menschen untersucht. Diese Definition ist problematisch, da sie die Kognitionswissenschaft nicht hinreichend von der Psychologie abgrenzt, untersucht diese doch ebenfalls Phänomene des Geistes.

Eine mögliche zweite Annäherung ist, dass die Kognitionswissenschaft naturwissenschaftlich, also empirisch, untersucht, wo die Psychologie in die Geisteswissenschaften fällt. Doch auch diese Unterscheidung führt in eine Sackgasse.

So tangiert die Kognitionswissenschaft auch philosophische Aspekte. Vor allem die Untersuchung von künstlicher Intelligenz überschreitet den Rahmen einer rein empirischen Wissenschaft.

Aber auch die Psychologie lässt sich nicht auf eine Geisteswissenschaft reduzieren. So sprechen „harte“ Naturwissenschaftler gerne von der „Geisterwissenschaft“ Psychologie, in ihrem Selbstverständnis ist die Psychologie doch keine empirische Wissenschaft.

Dieses Dilemma liegt aber mehr in der krampfhaften Unterscheidung von Geistes- und Naturwissenschaften, als in der Sache selbst, lässt sich die Psychologie doch als „eine experimentierende und zugleich verstehende, eine phänomenologisch beschreibende und, wo die Umstände es zulassen, auch messende und rechnende Wissenschaft“ (Metzger 2012) bezeichnen.

Eine für den Rahmen dieser Thesen hinreichende Unterscheidung der beiden Wissenschaften und gleichzeitig Definition von Kognitionswissenschaft ist, dass die Psychologie geistige Zustände untersucht, die Kognitionswissenschaft hingegen geistige Prozesse. Daraus ergibt sich die Definition, dass Kognitionswissenschaft die Prozesse des Denkens, Geistes und der menschlichen Intelligenz untersucht.

6.4 Was ist Kognitionssemiotik?

Kognitionssemiotik ist eine Subkategorie der Semiotik, welche sich mit der Kognition beschäftigt. Um zu beantworten, was die Kognitionssemiotik ist, muss man zunächst beantworten, was Semiotik ist (was im Kapitel 6.1 geschehen ist) und was eine Kognitionswissenschaft ist.

T. C Daddesios Werk „On Minds and Symbols“ trägt den bezeichnenden Untertitel „The Relevance of Cognitive Science for Semiotics“. Er schreibt: „This book is intended to be a provisional charting of a largely unexplored territory, the cognitive dimension of semiosis.“ (Daddesio 1994: 1). Er identifiziert die zentrale Frage der Semiotik als die Frage danach, woher die Bedeutung von Zeichen herkommt. Nach Daddesio ist es unumgänglich, die Arbeitsweise des Geistes zu betrachten, wenn man den Ursprung von Bedeutung untersucht.

Kognitionssemiotik ist also die Wissenschaft von Zeichen- und Verzeichnungsprozessen des Denkens, Geistes und der menschlichen Intelligenz.

6.5 Vorteile der Kognitionssemiotik gegenüber der Kognitionswissenschaft.

Der Kognitionswissenschaft in ihrer naivsten Form liegt ein metaphorisches Verständnis des menschlichen Geistes zu Grunde: Der Geist funktioniert wie ein Computer:

Most work in cognitive science assumes that the mind has mental representations analogous to computer data structures, and computational procedures similar to computational algorithms. Cognitive theorists have proposed that the mind contains such mental representations as logical propositions, rules, concepts, images, and analogies, and that it uses mental procedures such as deduction, search, matching, rotating, and retrieval. The dominant mind-computer analogy in cognitive science has taken on a novel twist from the use of another analog, the brain. (Thagard 2010)

Diese Annahme führt zu mehreren Problemen, die Thagard in sieben Punkte zusammengefasst hat:

  1. The emotion challenge: Cognitive science neglects the important role of emotions in human thinking.
  2. The consciousness challenge: Cognitive science ignores the importance of consciousness in human thinking.
  3. The world challenge: Cognitive science disregards the significant role of physical environments in human thinking.
  4. The body challenge: Cognitive science neglects the contribution of embodiment to human thought and action.
  5. The social challenge: Human thought is inherently social in ways that cognitive science ignores.
  6. The dynamical systems challenge: The mind is a dynamical system, not a computational system.
  7. The mathematics challenge: Mathematical results show that human thinking cannot be computational in the standard sense, so the brain must operate differently, perhaps as a quantum computer. (ebd.)

Die Kognitionssemiotik löst sechs der sieben Probleme. Die Probleme eins bis sechs sind durch die Kognitionssemiotik erklär- und lösbar. Nur das siebte Problem liegt außerhalb des Bereichs der Semiotik und ist eine Frage der Empirie1. Im folgenden sollen die ersten sechs Probleme genauer untersucht werden.

Das emotionale Problem lässt sich durch die Kognitionssemiotik lösen, da die Semiotik Bedeutung anerkennt. Emotionen entstehen, wenn etwas für einen Menschen Bedeutung hat, also verzeichnet wurde. Bedeutung lässt sich als eine Form von Wahrnehmungsurteil verstehen. Somit rückt die Kognitionssemiotik Emotionen in den inneren Kreis der Kognition.

Ein Beispiel, wie Emotion als Bedeutung entsteht und die Wahrnehmungsurteile verändern kann. Damit das Beispiel besonders deutlich ist, verwende ich die Emotion Verliebt-sein.

Emotionen sind Wahrnehmungsurteile bzw. Interpretationen, die den Menschen ermöglichen, Voraussagen über die Zukunft zu treffen. Menschen haben sehr feine Mechanismen bei der Partnerwahl entwickelt. So entstand das Sprichwort: „Jemanden gut riechen können“, nicht von ungefähr, sondern hat eine biologische Erklärung. Der Mensch ist in der Lage, am Geruch des Anderen wahrzunehmen, wie diese Person zum Zeugen von Nachkommen geeignet ist. Ausschlaggebend dafür sind die MHC-Gene. Durch dieses unbewusste Wahrnehmungsurteil ist der Grundstein für die Emotion gelegt. Das darf nicht überinterpretiert werden: Nur weil man jemanden riechen kann bedeutet das nicht direkt, dass man sich verliebt. Das Wahrnehmungsurteil bildet nur den Grund für die folgenden Wahrnehmungsurteile, denn Menschen sind ja bekanntlich unfähig zur Intuition. Das Lächeln des Anderen erscheint plötzlich etwas freundliches, das Gesicht etwas hübscher und die geschlechtsspezifischen Körpermerkmale etwas anziehender. Handelt das Gegenüber jetzt noch in einer Art, die es ermöglicht, seine Einstellung als Zuneigung zu interpretieren, dann entsteht die vollwertige Emotion des Verliebt-seins. Der Denkprozess des Menschen wird also von Vorhinein durch seine Wahrnehmungsurteile beeinflusst.

Das Bewusstseinsproblem lässt sich auch bewältigen. Die Form, in der Zeichen vor dem Hintergrund von anderen Zeichen interpretiert werden, entspricht der higher order theory of thought2, die besagt: „I may be aware of that specific belief by virtue of having a higher-order state of awareness that has the first-order belief as its object.“ (Bonjour/ Sosa: 2003: 52).

Die semiotische Version dessen wäre: Wenn der Interpretant eines Zeichens zum Repräsentamen des nächsten Zeichens wird, dann metarepräsentiert das Repräsentamen den Interpretanten.

Das ist insoweit wichtig, als bewusste Interpretationsvorgänge anders sind als unbewusste. Erinnern wir uns an die Wahrnehmung der MHC-Gene mittels des Geruchssinns. Könnte man das bewusst wahrnehmen? Unser Wahrnehmungsurteil wird uns erst bewusst, wenn wir es formulieren. Und sprachliche Formulierungen sind Metarepräsentationen, da wir nicht in Sprache denken. Wenn wir bewusst an etwas riechen, dann könnten wir es beschreiben: Mein Gegenüber riecht nach Pfirsichen3. Man kann seine Wahrnehmungen nicht auf neuronale Kategorien reduzieren, wie es von Metzinger verlangt wird und hier in Kapitel 4.3.2 beschrieben wurde.

Widmen wir uns nun dem Weltproblem. Das Problem, dass eine reine Kognitionswissenschaft die Einflüsse der Außenwelt auf das Denken ignoriert, lässt sich durch eine Kognitionssemiotik bewältigen. Das lässt sich unter dem Stichwort der Epigenetik zusammenfassen. Dawkins bemerkt zurecht:

Was ein Gen betrifft, so sind seine Allele seine tödlichen Rivalen, die anderen Gene jedoch sind einfach ein Teil seiner Umwelt, vergleichbar mit Temperatur, mit Nahrung, Räubern oder Gefährten. Die Wirkung des Gens ist von seiner Umwelt abhängig, und diese schließt andere Gene ein. (Dawkins 2010: 88)

Gene sind für die körperliche Entwicklung des Menschen verantwortlich, aber genau so ist es die Umwelt. Statistiken belegen, dass die Pubertät mittlerweile bis zu zwei Jahre früher einsetzt als die 1969 definierten Standards (s. Herman-Giddens 2012). Die Pubertät verändert Interpretationsvorgänge, ist also semiotisch relevant. Wann die Pubertät beginnt, spielt also eine Rolle für die Kognitionssemiotik und kann von der Epigenetik erklärt werden: Da die Lebensumstände der Kinder in den USA in den letzten 40 Jahren zunehmend besser geworden sind, entwickeln sich die Kinder schneller.

Das vierte Problem für eine reine Kognitionswissenschaft ist das Körperproblem: die Kognitionswissenschaft ignoriert die Rolle des Körpers beim menschlichen Denken und Handeln. Eine Kognitionssemiotik kann dieses Problem antizipieren. So lässt sich die Entwicklung des Ichs direkt in der Körperlichkeit des Menschen verankern. Für genauere Ausführungen siehe Kapitel 8.2.
Das fünfte Problem ist die Unterbewertung des sozialen Umfelds seitens der Kognitionswissenschaft. Die Semiotik stellt doch gerade diese mit in den Mittelpunkt. So sagen Eschbach/ Eschbach:

Es mag ja romantisch klingen, dem menschlichen Sprachvermögen einen so hohen Stellenwert beizumessen – was nebenbei bemerkt geradezu ein deutsches Alleinstellungsmerkmal etwa im Vergleich mit dem amerikanischen Umgang mit der Sprache zu sein scheint – so geht es doch an der linguistischen wie der gesellschaftlichen Wirklichkeit aller Menschen vorbei, denn erstens denken wir nicht in den Worten irgendeiner Sprache, sondern in Zeichen, und zweitens ist es bei allem Idealismus kaum zu bezweifeln, daß die sozioökonomischen Bedingungen, unter denen ein Mensch lebt, nachhaltige Bedeutung für seine gesamte Existenz und Entwicklung besitzen. Die Integrationsprobleme eines Migranten in der Fremde sind nämlich nicht nur linguistischer Art, wie man vor einigen Jahren in Frankreich beobachten konnte, als die perfekt französischsprechende Jugend aus den Banlieus revoltierte, deren Eltern oder Großeltern aus Nordafrika stammen. Man wird wohl nicht umhinkommen, das linguistische Relativitätsprinzip mit der Formel „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ in Einklang zu bringen. (Eschbach/ Eschbach 2011: 18)

Die Rolle des sozioökonomischen Umfelds muss in eine semiotische Interpretation von Kognition eingeflochten werden. So liefert das sozioökonomische Umfeld Normen und Ideale, welche zum Hintergrund für neue Interpretationen der Umwelt werden.

Auch das sechste Problem ist durch eine Kognitionssemiotik zu lösen. Kognitionswissenschaftler sehen menschliche Denkprozesse analog zur Funktionsweise eines Computers, was falsch ist. Vor allem negiert es die Dynamik des Denkens. Unser Denken ist nicht starr wie die Funktionsweise eines Computers – das Denken kann sich fundamental ändern, die Funktionsweise des Computers nicht. Beckermann bemerkt richtig: „Ein Computer ist ein Gerät, in dem Zeichenketten aufgrund von formalen Algorithmen erzeugt und verändert werden.“ Des Weiteren: „Der Ausdruck „formal“ heißt hier, dass bei der Erzeugung und Verarbeitung von Zeichenketten nicht ihre Bedeutung, sondern nur ihre Struktur eine Rolle spielt.“ (Beckermann 2008: 157).

Hier kommt die Kognitionssemiotik ins Spiel, die die Bedeutung der Zeichen berücksichtigt. Die Bedeutung von Zeichen kann sich ändern – auch das berücksichtigt die Kognitionssemiotik und zollt damit der Dynamik menschlicher Denkprozesse Tribut.
6.6 Fazit

Die zentralen Fragen dieses Kapitels waren: Was ist Semiotik? Was kann Semiotik zur Kognitionswissenschaft beitragen? Oder: Was ist Kognitionssemiotik?

Die Frage nach der Semiotik wurde mit einer allgemeinen Definition beantwortet, die dann durch die Definitionen von Eco und Peirce erweitert wurde. Die Semiotik wurde allgemein als Wissenschaft der Zeichen definiert, weshalb im nächsten Schritt geklärt wurde, was ein Zeichen ist.

Die Frage nach dem, was ein Zeichen ist, wurde über das bekannte „semiotische Dreieck“ geklärt und ein Zeichen wurde als triadische Relation verstanden. Im anschließenden Rekurs auf Peirce wurden zehn Zeichenklassen unterschieden, die den Kategorien „Physis“ und „Psyche“ zugeordnet wurde (welche später genauer definiert werden). Dies geschah nur rudimentär und bedarf einer genaueren Untersuchung. Damit ist ein semiotisches Fundament gelegt worden, auf das die späteren Thesen aufbauen sollen, denn es ist nun klar, was Semiotik ist und damit ist eine Hälfte der Frage nach der Kognitionssemiotik beantwortet. Um die andere Hälfte zu beantworten, wurde geklärt, was Kognitionswissenschaft ist.

Eine Definition der Kognitionswissenschaft wurde in Anlehnung an Thagard gefunden: Kognitionswissenschaft untersucht die Prozesse des Denkens. Damit wurde gleichzeitig die Kognitionswissenschaft von der Psychologie abgegrenzt, die mentale Zustände untersucht. Auch diese Abgrenzungen sind nur rudimentär und würden einer kritischen Prüfung wahrscheinlich nicht standhalten4. Die Synthese dieser beiden Analysen war die Definition der Kognitionssemiotik, welche die Denkprozesse in Form von Zeichen untersucht. Abschließend wurde gezeigt, welche Vorteile die Kognitionssemiotik gegenüber einer reinen Kognitionswissenschaft hat.

Auf dem Fundament der Semiotik wurde eine vorläufige Kognitionssemiotik gebastelt. Nun soll diese Bastelei angewendet werden, um zu erklären, was das Ich ist, wie das Ich entsteht und wie es sich verändern kann.

1 Wenn die Mathematik zeigt, dass das menschliche Denken nicht mit der Computermetapher vollständig erklärt werden kann und die Kognitionssemiotik sowieso einen anderen Weg einschlägt, so sehe ich sie nicht vom siebten Problem betroffen.
2 Auch: Theorie höherstufiger Überzeugungen. Darunter ist zu verstehen: „Der mentale Zustand M eines Wesens S ist genau dann bewusst, wenn S eine höherstufige Überzeugung (oder wie man auch sagt: eine Metarepräsentation) mit dem Inhalt gibt, dass S in M ist.“ (Beckermann 2008: 407f.).
3 Das ist kein zufälliges Beispiel. Bestimmte Sekrete erscheinen Männern bei Frauen, für die sie Zuneigung empfinden, als besonders fruchtig, weshalb sie als Pfirsich oder Kirsche identifiziert werden. Dies ist wiederum ein Beispiel dafür, wie Emotionen das Denken beeinflussen.
4 Es soll hier angemerkt sein, dass die getroffenen Unterscheidungen nur instrumentell sind – und das wahrscheinlich der gesündeste Ansatz in der Wissenschaft ist. Es sollte bei der Erklärung der Welt nur nebensächlich sein, welchem wissenschaftlichen Zweig man angehört. Zentral ist das Forschen und Erklären der Welt, nicht ihre saubere Einteilung in Schubladen.

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